Vollbenutzungsstunden berechnen: Die Kennzahl, die Ihre Netzentgelte bestimmt

Vollbenutzungsstunden (auch: Benutzungsstunden) sind eine Kennzahl, die das Verhältnis zwischen Energieverbrauch und Leistungsspitze eines Betriebs beschreibt. Sie geben an, wie viele Stunden im Jahr ein Betrieb theoretisch unter Volllast laufen müsste, um seinen tatsächlichen Jahresverbrauch zu erreichen.

Die Zahl klingt abstrakt, hat aber eine sehr konkrete Auswirkung: Sie bestimmt, in welchem Tarifregime ein Betrieb seine Netzentgelte zahlt – und damit, ob der Leistungspreis oder der Arbeitspreis der größere Kostenblock ist.

Wie berechnet man Vollbenutzungsstunden?

Die Formel:

Vollbenutzungsstunden (h/a) = Jahresenergieverbrauch (kWh) ÷ Jahreshöchstlast (kWa)

Beide Werte stehen auf der Stromrechnung oder lassen sich aus den RLM-Lastgangdaten ablesen.

Rechenbeispiel 1: Ein Betrieb verbraucht 1.200.000 kWh pro Jahr. Seine Jahreshöchstlast liegt bei 400 kWa. Die Vollbenutzungsstunden betragen 1.200.000 kWh ÷ 400 kWa = 3.000 h/a. Der Betrieb liegt über der 2.500-Stunden-Schwelle.
Rechenbeispiel 2: Ein Betrieb verbraucht 500.000 kWh pro Jahr bei einer Jahreshöchstlast von 300 kW. Die Vollbenutzungsstunden betragen 500.000 kWh ÷ 300 kWa = 1.667 h/a. Der Betrieb liegt unter der 2.500-Stunden-Schwelle.

Was sagen die Vollbenutzungsstunden über einen Betrieb aus?

Die Kennzahl beschreibt, wie gleichmäßig ein Betrieb Strom verbraucht:

  • Hohe Vollbenutzungsstunden (>4.000 h/a): Der Betrieb läuft gleichmäßig, oft im Dreischichtbetrieb oder Durchlaufprozess. Die Lastspitzen liegen nicht weit über der durchschnittlichen Leistung. Typisch für Grundstoffindustrie, Chemiebetriebe, große Metallverarbeiter.
  • Mittlere Vollbenutzungsstunden (2.500–4.000 h/a): Zweischichtbetrieb oder Einschicht mit hoher Grundlast. Der Betrieb liegt im Übergangsbereich – hier lohnt sich eine genaue Prüfung der Netzentgeltstruktur besonders.
  • Niedrige Vollbenutzungsstunden (<2.500 h/a): Einschichtbetrieb, saisonale Produktion oder hohe einzelne Lastspitzen bei moderatem Gesamtverbrauch. Die Leistungsspitze ist im Verhältnis zum Verbrauch überproportional hoch.

Warum sind 2.500 Vollbenutzungsstunden eine kritische Schwelle?

Die meisten Netzbetreiber veröffentlichen zwei Preisblätter für RLM-Kunden – eines für Kunden mit weniger als 2.500 h/a und eines für Kunden darüber. Die rechtliche Grundlage ist §16 Abs. 2 StromNEV in Verbindung mit Anlage 4.

Der Unterschied zwischen beiden Tarifgruppen:

  • Unter 2.500 h/a: Höherer Arbeitspreis (ct/kWh), niedrigerer Leistungspreis (€/kW/a). Der Gesamtverbrauch bestimmt den Großteil der Netzentgelte.
  • Über 2.500 h/a: Niedrigerer Arbeitspreis, höherer Leistungspreis. Die Jahreshöchstlast wird zum dominierenden Kostenfaktor.

Das ist kein abrupter Sprung, sondern eine Verschiebung der Gewichtung. Bei exakt 2.500 Vollbenutzungsstunden pro Jahr schreibt der Gesetzgeber vor, dass beide Tarife – trotz ihrer unterschiedlichen Gewichtung – bis auf kleinere Rundungsabweichungen exakt identisch sein müssen. Aber für Betriebe, die knapp über oder unter der Schwelle liegen, kann die Zuordnung zum entsprechenden Tarifregime mehrere tausend Euro pro Jahr ausmachen.

Was bedeutet das für die Optimierung?

Die Vollbenutzungsstunden entscheiden, welche Optimierungsstrategie sinnvoll ist:

  • Über 2.500 h/a → Lastspitzen reduzieren: Jedes kW weniger bei der Jahreshöchstlast spart direkt Leistungspreis. Gestaffeltes Anfahren, Schichtplanung, Lastmanagement – das sind die Hebel.
  • Unter 2.500 h/a → Grundlast und Arbeitspreis optimieren: Wochenendverbrauch senken, Druckluft-Leckagen beseitigen, Beleuchtung, Standby-Lasten. Jede eingesparte kWh zählt hier mehr.
  • Knapp an der Schwelle → Tarifregime prüfen: Manchmal reicht eine gezielte Verschiebung der Jahreshöchstlast um wenige kW, um ins günstigere Regime zu wechseln. Das setzt voraus, dass man die eigenen Daten kennt.
Praxisfall: Ein Betrieb mit 2.400 h/a liegt knapp unter der Schwelle. Sein Leistungspreis ist vergleichsweise niedrig, der Arbeitspreis hoch. Eine einzelne vermeidbare Lastspitze hat die Jahreshöchstlast um 30 kW angehoben – ohne diese Spitze lägen die Vollbenutzungsstunden bei 2.650 h/a, und der Betrieb würde vom niedrigeren Arbeitspreis profitieren. Ob das netto günstiger ist, zeigt nur die konkrete Rechnung mit dem Preisblatt des zuständigen Netzbetreibers.

Wie finde ich meine Vollbenutzungsstunden heraus?

Am einfachsten über die Stromrechnung: Jahresverbrauch in kWh und Jahreshöchstlast in kW ablesen, teilen, fertig. Für eine genauere Analyse – insbesondere um zu verstehen, welche Spitze die Jahreshöchstlast verursacht hat – brauchen Sie die RLM-Lastgangdaten vom Netzbetreiber.

Der Netzentgelt-rechner berechnet Ihre Vollbenutzungsstunden automatisch und zeigt Ihnen, in welchem Tarifregime Sie sich befinden und was Ihr Leistungspreis konkret kostet.

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